Berichte, Tipps und Anmerkungen zu Begegnungen mit der Kunst
Als Hingucker, Anverwandler, Wahrnehmer, Rezipient usw. unterwegs
Die folgenden Zeilen stellen persönliche Kunst- und Ausstellungserlebnisse dar.
The Family of Man
SCHLOSS CLERVEAUX - CLERVEAUX , LUXEMBURG
Es ist Frühsommer und während ich mich im "Sommeratelier" in der Eifel befinde, um in Ruhe zu arbeiten und Erarbeitetes zu überdenken, treibt es mich wieder einmal in ein kleines beschauliches Städtchen nahe der deutsch-luxemburgischen Grenze. Es sind gut 30 Kilometer bis Clerveaux in Luxemburg und dort ist eine beeindruckende fotografische Sammlung dauerhaft ausgestellt.
THE FAMILY OF MAN – Die legendäre Ausstellung umfasst 503 Aufnahmen von 273 Fotografen aus 68 Ländern. Sie wurde von Edward Steichen in den 50er Jahren für das Museum of Modern Art (MoMA) in New York zusammengetragen. Als die Ausstellung im Januar 1955 in New York eröffnet wird übersteigt der Besucheransturm alle Erwartungen. So wurde entschieden, 10 nahezu identische Kopien der Ausstellung anzufertigen und diese rund um die Welt zu schicken. Die Reise der Family of Man endete erst 1962. Bis dahin wurde sie von nahezu 10 Millionen Menschen gesehen. Bis auf eine Kopie wurden alle anderen danach vernichtet. Die amerikanische Regierung schenkte Luxemburg auf Wunsch Edward Steichens – gebürtiger Luxemburger – die letzte vollständige Version der Wanderausstellung. Steichen äußerte den Wunsch, "The Family of Man" möge dauerhaft im Schloss von Clervaux ausgestellt werden.

Die Sammlung besteht auch heute noch aus Originalabzügen von 1955, allesamt schwarz-weiß und auf Holzplatten aufgezogen. Die Formate variieren von 24 x 36 cm bis 300 x 400 cm. Die behutsamen Restaurierungen und ihre bewegte Geschichte macht die Ausstellung inzwischen zu einem einzigartigen geschichtlichen Dokument. 2003 wurde die Sammlung in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.
Meine erste Begegnung mit den Exponaten der Ausstellung, als junger Design- und Fotografiestudent, datiert schätzungsweise auf das Ende der 80er Jahre. Auch damals schon im Schloss Clerveaux, wenn auch in anderer Form und Präsentation. Das Schloss war noch nicht so passend für die Ausstellung konzipiert wie nach dem Umbau 2010. Aber schon seit dieser Zeit haben mich die Fotografien immer wieder hier her gezogen.
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Udo Leist


Schloss Clerveaux, L-9701 Clervaux Luxemburg



Tony Cragg. Please Touch!
KUNST PALAST - DÜSSELDORF 22.02. - 26.05.2024
Vom Dorf nach Düsseldorf, Landeshauptstadt. Erstmal verfahren, weil dem Navi nicht getraut. Und meine Erinnerung mich an der entscheidenden Ecke trog. Schließlich nobel in einer Tiefgarage neben dem Kunstpalast geparkt. Als ich dann ins Freie trete, fühle ich mich wie in der unwirtlichen schwarz-weiß-Szenerie eines neorealistischen Filmes, zwischen hochaufragender Architektur der Postmoderne, die aber Züge faschistischen Einschüchterungsarchitektur zu tragen scheint. Ach nein, es sind nur die Fensterquadrate Oswald Mathias Ungers`. Kurzum und unwirtlich genug, ich bin auf der Rückseite des Kunstpalastes.
Und gleich reinstürzen in „please touch“, der Alptraum jeder Aufsichtskraft im Museum!? Nein, eigentlich nicht, denn alle dürfen alle Skulpturen von Tony Cragg anfassen. Alle Materialien erspüren, mit schwitzenden Fingern überall drauf herumfahren. Nur nicht draufsteigen. Aber das sah ich auch niemanden versuchen. Es herrscht eine ungezwungen-andächtige Stimmung in der mäßig besuchten Ausstellung. Für wohl alle Besucher ist es das erste Mal, dass sie dürfen, was sie immer schon mal wollten, was ihnen aber stets verboten war: alle Exponate anfassen, umarmen, ihr Oberflächentextur ertasten (am besten Augen zu dabei), die spezifische Materialtextur spüren. Und mal dran riechen, drauf klopfen. Und schon spielt der Rezipient mit; auch im Wortsinne, denn er kann tatsächlich eine Tony Cragg-Skulptur wie eine Art Xylophon benutzen. Aber trotzdem taucht eine Art Grenze der haptischen Möglichkeiten auf. Bei den sehr hohen Holzskulpturen (wie haben die Museumsarbeiter die bloß in den Raum reingekriegt?)
Ich kann Tony Craggs absolute Verliebtheit in das beschliffene Material nachempfinden: eine einzige Schwelgerei des Fühlens durch die Finger, das die entsprechenden, aber eben nicht sprechenden sondern wortlosen, unverbalisierbaren Sensationen im Hirn auslöst. So ist es also, volumen- und formverliebt zu sein, deshalb also könnte man zum Bildhauer werden.
Schließlich habe ich noch das Vergnügen, Tony Cragg durch die Ausstellung sausen zu sehen; er sagt mir, dass er zum ersten Mal seit der Eröffnung hier sei. Und alles in gutem Zustand vorfinde. Auch wenn die Arbeiten aus Cortenstahl ein wenig ihrer samtenen Rostoberfläche eingebüßt haben, wo sie von dem Hautfett der Besucherhände berührt wurden. Aber schließlich ist auch das Patina, ein aus der Berührung vieler Hände erwachsener Materialüberzug; und Zeuge der ganzkörperlichen Aneignung von Skulpturen durch die Besucher – endlich mit allen Sinnen! Beschenkt fuhr ich heim.
Dr. Rainer Schnettler

Tony Cragg, Companions, 2023, Fiberglass, 318 cm x 274 cm x 363cm, © Tony Cragg / VG Bild-Kunst, Bonn, 2024, Foto: Michael Richter

Tony Cragg, Outspan,190x200x124, Bronze, 2008, © Tony Cragg / VG Bild-Kunst, Bonn, 2024, Foto: Charles Duprat

Andrea Zang, Quo vadis, Acryl a. L., 2014

Andrea Zang, Trugbild 9, Acryl a. L., 2022
DRAMA, SPIEL UND TOTEM
Die Malerin Andrea Zang hat zur Ausstellungseröffnung ihrer „Trugbilder“ in den Horster Hof in eingeladen, welcher vom Kunstverein Heinsberg genutzt wird.
An diesem kühl-sonnigen Spätfrühlingsmorgen stehe ich plötzlich ungeahnten Bildwelten gegenüber. Auf schwarzem Hintergrund mit Lasurtechnik fein aufgetragene schwebende Szenerien aus Blumen, Vögeln, Seifenblasen. So lasierend in einem additiven Schichtverfahren gemalt, dass bei seitlicher Betrachtung der Leinwand fast kein Duktus
erkennbar ist. Und die Hell-Dunkellichtführung setzt alles eindrucksvoll in Szene („Chiaroscuro“ raunt es deshalb aus dem Besucherkreis bei der Eröffnungsansprache). Alles Bildpersonal ist in einem magischen Reigen miteinander verbunden, sich gerade auf unberechenbaren Umlaufbahnen treffend? Oder bereits wieder auseinanderfliegend? Hier wird Bewegung durch Statik ausgewogen, es entsteht ein Moment der Stille, wie im Auge des Orkans. Diese Bilder wären fast beschaulich, wenn da nicht plötzlich, wie die Frucht des Bösen, eine possierliche Handgranate ungefähr in der Bildmitte auftauchte. Und die träumerische Bildatmosphäre ins Bedrohliche kippen ließe. Allerdings geht auch die Handgranate als Wort und in ihrer Struktur (ein rundlicher Körper, der, als Naturprodukt, viele kleine Einzelteile beinhaltet bzw. bei Explosion, als mörderische Waffe, in tödlichen Splittern auseinanderstiebt) auf die Natur, den Granatpfel zurück. Ein Stück bösartiger Bionik, wenn man so will.
In einem anderen Raumteil hängen einander zugewandt zwei große Diptychen, die das Innere von endlos tiefen Bibliotheken als Hintergrund haben. In diesen Hallen der Kultur und Gelehrsamkeit spielt sich Träumerisches bis Absurdes ab. Und wie so vieles Absurde in der Kunst, ist der Einzelgegenstand überzeugend real geschildert, seine Kombination mit anderen jedoch das, was an die Substanz geht (mir fällt der Lautréamonts Satz von dem „zufälligen Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ ein).
Andrea Zang zeigt auch große, repräsentative Portraits. Wie das eines gar nicht so scheuen Rehs (oder Hirschkuh?) in edlem Pelzmantel vor einer Friedrichschen Nebellandschaft, eine Kalaschnikow statt eines Handtäschchens bei sich. Daneben eine Kameldame, gravitätisch mit einem wertvollen Pelzmantel, offensiv den Mund geöffnet; und wie nebenbei einen Dolch in der menschlichen Hand, mit dem Titel „Matriarchie“.
In der ersten Etage hat Andrea Zang noch ein spezielles verspätetes Osterei versteckt: unter einer Deckenschräge, die ja in der Regel nicht für eine Hängung geeignet ist, haust ein netter, aber gehörnter Vogel auf einem winzigen Quadratformat, knapp über der Fußleiste; eine kleine optische Belohnung für den aufmerksamen Betrachter.
Als eine Art persönlicher Totem dreht sich auf einem von Magnetkraft in der Schwebe gehaltenen Teller ein winziges (tatsächlich feinst gehäkeltes) Wesen, das auf krummen Beinen und mit langer Nase dahinschleicht. Hier kann man auch mal schmunzeln, aber trotzdem schwingt immer noch etwas „Terribilità“, das Element des Erschreckens, mit. Zumal Totems hochverdichtete Konzentrate kultureller, religiöser und gruppenbezogener Identität sind. Übrigens sind nicht eigentlich alle gemalten Bilder, sofern sie gegenständlich sind, Trugbilder? („Bedriegertjes“ heißen im Niederländischen hochillusionistische Stillleben so treffend-putzig.) Und tatsächlich geht es um Wahrheit und Fiktion, um Erkenntnis, Erkennbarkeit, Wahrheit und Illusion für jeden von uns, in jedem Moment des demokratischen Dialoges. Andrea Zang schreibt: „Es stellt die Frage, wie der Schein und die Manipulation von Wahrheit und Glauben unsere Vorstellungen von Konflikten beeinflussen.“
Berührt von einer geahnten, aber bisher nie gesehenen Welt fuhr ich heim.
Dr. Rainer Schnettler
WIE EWIG IST JETZT?
Im Museum La Boverie auf der Maas-Halbinsel will ich mir die Videoarbeiten von Bill Viola ansehen.
Das Erlebnis, in Lüttichs Calatrava-Bahnhof auszusteigen, beginnt für mich schon, als ich statt der üblichen senkrechten Stützen der Perronüberdachung weit geschwungene weiße Konstruktionen sich über die Bahnsteige erstrecken sehe. Und beim Aussteigen dann leuchtet schönstes April-Sonnenlicht durch die Farbglasflächen im Dach, Daniel Buren sei Dank.
Nach einer kleinen Wanderung durch die noch in Neugestaltung befindlichen Bereich zwischen Bahnhof und Maas passiere ich ein überdimensionales Hochhaus, das mich in seiner Form an ein Segel erinnert. So hübsch es sein mag, aber warum erlaubt (sich) eine Stadt ein einziges Haus, das alle anderen, diese ohnehin schon zehngeschossig, so maßlos überragt? Und die architektonische Homogenität, die ja ohnehin eher Fiktion als Realität ist, zusätzlich durch seine Maßlosigkeit zertrümmert. Ich finde es bei diesen urbanen Entgleisungen immer bedauerlich, dass solche Un-Bauten manchmal recht alt werden können.
Im Museum La Boverie auf der Maas-Halbinsel will ich mir die Videoarbeiten von Bill Viola ansehen. Er wird hier als „Sculptor of time“ vorgestellt. Na, mal sehen, wie man Zeit skulptieren kann. Aber erst mal ein Frühstück mit Mini-Quiche und Salat und Milchkaffee.
Bill Viola, geboren 1951, ist ein Videokünstler; ähnlich wie Nam June Paik, könnte man sagen. Und läge damit falsch, und ein wenig richtig. Denn während ein wichtiges Element Paiks der schnelle, flimmernde kaleidoskopartige Bildwechsel der TV-Bilder ist, ist es bei Viola so etwas wie die extreme Dehnung des Moments. Zum Beispiel bei den drei Portraits, die brav wie Fotos in ihrem schmalen dunklen Rahmen an der Wand hängen. Erst nach einige Momenten sehe ich, dass es sich um sehr langsame Filme handelt. Und schon lauere ich auf den nächsten Wimpernschlag eines Dargestellten.
Gebannt blieben fast alle Besucher vor Violas extrem verlangsamter Wirklichkeit stehen, lassen sich gefangen nehmen von aufwärts strömenden Wassermassen, langsam im Nebel sich auflösenden Davonschreitenden oder aus dem Grau im Schneckentempo hervortretenden und damit langsam farbig werden Personen. Sie treten ins Leben, und somit in meins. Eine manchmal bedrückende Erfahrung, ein oft still begeisterndes Erlebnis im Museum Boverie, die mir durch eine mit Lichtgeschwindigkeit agierende Elektronen geschenkt werden.
Im Eiscafé in Rheindahlen kommt mir Lüttich wieder in den Sinn: zwei durchsichtige Wegwerf-Eislöffelchen, einer blau und einer magentafarben, erinnern mich an die vierteiligen belgischen Abfallstationen. Und deren Farben dürften der gestalterische Anlass für Daniel Burens Farbwahl im Lütticher Bahnhof gewesen sein.
Dr. Rainer Schnettler


Bill Viola, 4 Filmstills from Surrender, 2001

Bill Viola, The Greeting, 1995


